Evangelische Medien 2030
Klar, kommunikativ und kompetentFür den Wittenberger Zukunftskongress der Evangelischen Kirche in Deutschland hat epd-Chefredakteur Thomas Schiller Perspektiven für die evangelische Publizistik im Jahr 2030 aufgezeichnet. Wir dokumentieren den Text, der aufgrund der Auslosung der Redner im Eröffnungsplenum nur schriftlich eingebracht wurde.
„Im Jahre 2030 ist die evangelische Kirche in der öffentlichen Wahrnehmung dadurch stark, dass sie gemeinsame Themen und Positionen vorgibt, die in die Gesellschaft hineingetragen und vertreten werden. Die professionelle Reflexion dieser Themen in Zuschnitt und Abfolge sowie die öffentliche Kommunikation der Themen sind die wichtigsten Voraussetzungen für eine starke und profilierte Präsenz.“ So heißt es im Leuchtfeuer 9.
Das Ziel von Leuchtfeuer 9 ist klar. Aber das Impulspapier lässt offen: Wie kommt man dort hin? Der Weg sind zweifellos die Medien. Aber keiner kann sagen, wie sie 2030 aussehen und was sie leisten. Wenn das Tempo der Veränderung nur so bleibt wie in den zurückliegenden 25 Jahren, ahnen wir die Herausforderung. Erinnern wir uns: Anfang der Achtzigerjahre sahen wir drei öffentlich-rechtliche Fernsehprogramme. Kabel- und Satelliten-TV oder Privatfunk steckten in den Kinderschuhen. In Redaktionen standen Schreibmaschinen und erste Faxgerät. Das Internet war so gut wie unbekannt, nur wenige Universitäten hatten Anschluss. Und 2030? Wo geht es hin? Es zeichnen sich mindestens Trends ab. Die Informationsflut schwillt weiter an, und die Aufnahmefähigkeit der Menschen wird noch weniger mithalten können als bisher. Noch mehr Anbieter und Medieninhalte konkurrieren um die begrenzte Aufmerksamkeit des Publikums. Wer da durchkommen will, muss nicht nur mithalten, sondern an der Spitze sein.
| Wittenberg: Auf Kompetenz der evangelischen Publizistik vertrauen
Der Zukunftskongress der Evangelischen Kirche in Deutschland hat sich vom 25. bis 27. Januar in Wittenberg mit dem Impulspapier „Kirche der Freiheit“ auseinandergesetzt. Darin werden Perspektiven für die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert aufgezeichnet. Aus den Arbeitsfeldern der evangelischen Publizistik war nach Erscheinen des Papiers im Juli 2006 Kritik laut geworden: In den Zukunftsaussichten für das Jahr 2030, die von der vom Rat der EKD eingesetzten zwölfköpfigen Perspektivkommission gezeichnet worden waren, kamen die Medien explizit nicht vor. Allerdings erschließt sich in der 110 Seiten starken Broschüre an vielen Stellen bei der Lektüre zwischen den Zeilen, dass die „Kirche der Freiheit“ in der künftigen Mediengesellschaft gar keine Chance hat, wenn sie nicht aktiv publiziert und ihre Themen ins Mediengeschäft einbringt – und zwar in allen bekannten und noch entstehenden Medienformen. Am deutlichsten wird dies im neunten von zwölf „Leuchtfeuern der Zukunft“, die kirchliches Handeln für die nächsten Jahrzehnte fokussieren. Leuchtfeuer 9 fordert, das Themenmanagement und Agendasetting bewusst zu stärken. Eine Forums-Gruppe aus Bischöfen, Pfarrern, Medienschaffenden und weiteren kirchlich engagierten Kongressteilnehmern hat in Wittenberg erarbeitet, was dieses neunte Leuchtfeuer für die Kirche der Zukunft bedeutet: Die evangelische Kirche soll die Meinungsführerschaft zur religiösen Dimension von gesellschaftlichen Themen anstreben und die Marke „evangelisch“ definieren und profilieren. In Debatten soll unverwechselbar evangelisch argumentiert werden. Wichtig ist es nach Auffassung des Forums, gemeinsame Themen klar zu definieren. Bei künftigen Kampagnen, über die die Kirchenkonferenz entscheidet, soll externe Kompetenz mit einbezogen werden, aber auch auf die eigene Organisation, das heißt auf die evangelischen Medienbetriebe und -einrichtungen, vertraut werden. An der Diskussion waren aus dem GEP auf Einladung der EKD Direktor Jörg Bollmann und epd-Chefredakteur Thomas Schiller beteiligt. Außerdem nahm GEP-Verwaltungsratsmitglied Udo Hahn, der Publizistikreferent des EKD-Kirchenamtes, an der Forengruppe teil. Welche konkrete Bedeutung die Ergebnisse aus Wittenberg haben, wird sich in der Tagesarbeit erweisen. Zunächst werden die vielschichtigen Ergebnisse des Kongresses in einem Tagungsband der EKD erscheinen, der vom GEP produziert wird. red |
Gute Inhalte allein reichen nicht mehr aus. Immer wichtiger werden die Faktoren Technik und Geld. Exemplarisch kann man sich in der Suchmaschinen-Branche ansehen, welche Strategien nötig sind, um sich einen vorderen Platz auf der Trefferliste von „Google“ zu erkämpfen. Schöne neue Welt.
Trotzdem braucht der Kirche nicht bang zu werden. Aber wenn sie Ja sagt zum Leuchtfeuer 9, muss sie auch die Herausforderung der medialen Entwicklung annehmen. Das heißt, bei ihren eigenen Medienfirmen nicht zu kürzen, sondern sie zu stützen. Nur so können sie Anschluss halten in den Sparten Print, Hörfunk, TV, Agentur, Online, Multimedia. Vom Erfolg der evangelischen Publizistik hängt wesentlich die mediale Präsenz des Protestantismus im Jahr 2030 ab.
Dieser Erfolg muss im säkularen Wettbewerb Tag für Tag erarbeitet werden – auf einem immer größer und härter werdenden Markt. Die Themensetzung geschieht schon heute vor allem durch starke nationale Marken. Nur einige seien genannt: etwa ARD, ZDF, RTL, „Der Spiegel“, „Focus“, „Bild“, „Die Zeit“, die überregionalen Qualitätszeitungen, der Deutschlandfunk oder dpa. In dieser Liga spielen der Evangelische Pressedienst (epd) und das evangelische Magazin chrismon mit.
Für das Publikum werden Medienmarken immer wichtigere Partner. Medienmarken werden zum Retter in der Informationsflut. Sie sortieren wichtig und unwichtig, sie bürgen für Verlässlichkeit und geben Orientierung. Die EKD tut gut daran, ihre großen und wertvollen Marken zu profilieren: die Nachrichtenagentur epd mit ihren hochwertigen Inhalten zum multimedialen Content-Anbieter weiterzuentwickeln, den Titel chrismon zur Markenfamilie für Premium-Publizistik auszubauen, die Evangelische Medienakademie als erste Adresse für Aus- und Weiterbildung zu sichern. Darüber hinaus muss es eine klare Arbeitsteilung mit den Aktivitäten auf landeskirchlicher Ebene geben, die auch weiterhin nötig sind für die mediale Präsenz von evangelischer Kirche in der Region. Noch geht zu viel Energie verloren durch Doppelstrukturen und überflüssige Konkurrenzen zwischen Presseverbänden, Medienhäusern und dem Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (GEP). Die Effizienzdefizite sind erkannt. Sie zu bearbeiten ist mühsam innerhalb der Strukturen eines föderalen Protestantismus. Wer für die Zukunft bauen will, muss auch Altes loslassen können. Die evangelische Publizistik jedenfalls ist auf dem Weg. Thomas Schiller





